Schafwäsche und Großes Holz

Lage: Nordwestlich von Dannenwalde

Die Schafwäsche 

Die Siedlungstraße durchwandernd verlassen wir das Dorf in westlicher Richtung. Dort wo links die Straße vom Dorf auf unseren Weg stößt, lag früher der Sportplatz. Hier spielte in den Dreißiger Jahren die Jugend Fußball. Hier sangen wir in den Zeiten des Nationalsozialismus hehre Lieder am Sonnenwendfeuer oder wir machten am 1. Mai Volkstänze rund um den Maibaum.

Unser Weg führt am Waldrand entlang über die alte Kleinbahnstrecke hinweg. Etwa nach einem Kilometer zweigt rechts ein Feldweg ab. Ehe wir ihm in nördlicher Richtung folgen, gehen wir nach rechts ein paar Schritte ins freie Feld und besehen uns zwei von Bäumen bestandene Senken, die große und die kleine Schafwäsche, denn in diesen ehemals voller Wasser stehenden Kuhlen wusch man früher vor dem Scheren die Schafe. Jetzt bekunden Esche, Bergahorn und Eiche, welche Bäume hierzulande ohne Pflanzung und Forstwirtschaft heranwachsen. Es gibt viele solcher Kuhlen in den Dannenwalder Feldern, die als Mergelkuhlen von Fleiß und Mühsal vergangener Generationen zeugen: Die ihre ärmlichen sandigen Felder beackernden Landleute kannten kalkhaltige Bereiche – Mergel eben. Diesen Mergel grub man aus, verteilte ihn auf den Feldern und konnte so auf etwas bessere Ernten hoffen. Nach einigen Jahren mangelte es den Feldern wiederum an Kalk. Der Boden war ‚ausgemergelt‘ – von Neuem musste man Mergel ausgraben und anfahren, eine immer wiederkehrende mühselige Arbeit. 

Wir gehen auf einem leicht ansteigenden Feldweg. Es lohnt auf den sandigen Weg zu schauen: Rehe haben den Weg gekreuzt; Hasen hoppelten. Größere Fährten zeigen, dass eine Rotte Wildschweine nachts unterwegs war.

Das Große Holz – standortgemäßer Waldbau

Ehe uns der Weg abwärts in die Fehnwiesen führt, genießen wir den Blick auf den vor uns liegenden, leicht ansteigenden Laubwald, das ‚Große Holz‘. An herbstlichen Tagen verschwinden die Bäume fast in der dunstigen Luft, reißt der Nebel dann auf, erblicken wir prachtvolle herbstbunte Buchen und tiefgrüne Kiefern.

Weiter – rechts vom Weg beginnt der Wald. Hoher Adlerfarn bezeugt feuchten Boden. Dann auf leicht ansteigendem Gelände das Große Holz. Der Boden ist besser als im sonstigen Dannenwalder Wald. Dem günstigen Standort entsprechend gedeihen neben wenigen Kiefern kräftige Buchen – sicher mehr als hundert Jahre alt – daneben deutlich jüngere Bäume. Auf dem Waldboden können wir Minibuchen entdecken und im Frühjahr keimende Buchen finden, die auf ihren Keimblättern noch die Hülle der alten Buchecker tragen. Hier müssen zur Walderneuerung also keine jungen Bäume gepflanzt werden. Vielmehr ist Naturverjüngung möglich, funktioniert jedoch nicht immer: Wenn dichtes Gras wächst, haben Buchenkeimlinge keine Chance. Rehwild und Rotwild (Hirsche) äsen mit Vorliebe junge, frisch grünende Buchen. 

Wir genießen den Wald mit allen Sinnen, hören ein Rascheln, leichtes Grunzen. Da, direkt am Weg wuselt etwas im Gras, ein paar Frischlinge und eine führende Bache – also eine Wildschweinsau mit ihren Jungen. Wir verstummen, bleiben stehen – nein, das wäre ganz falsch: Wir reden lauter, knacken mit Zweigen, denn eine sich bedroht fühlende führende Bache könnte angreifen. Nun hat sie uns gehört und verschwindet im Unterholz.

Nahe vom Weg finden wir Anpflanzungen junger Douglasien und einige schöne alte Douglasienbäume mit dicker korkiger Borke und kräftigen Seitenästen.

Exkurs Douglasien

Die schnellwüchsigen Douglasien sollten wir nicht mit Tannen oder Fichten verwechseln. Die Douglasie stammt aus Nordamerika und wird hier seit den 19. Jahrundert angepflanzt. Im Jugendstadium erkennen wir Douglasien an der glatten, mit Harzbeulen besetzten Rinde. Nach einem  Druck mit dem Daumennagel in solch eine Harzblase  Zeigt  unser harziger Daumen, dass es sich bei diesem Nadelbaum wirklich um eine Douglasie handelt.

Auf einem der nächsten Querwege wenden wir uns nach links und erreichen den breiten Kehrberger Weg, auf dem wir ostwärts gehend Wald und Bäume betrachten. Altersgleiche Kiefern beherrschen das Bild, dazwischen Douglasien Wir sehen junge, gegen Wildverbiss eingezäunte Anpflanzungen und ältere Bestände.

Exkurs: Standortgemäßer Waldbau – altersgleiche Monokulturen

Waldbau mit altersgleichen, möglichst schnell wachsenden Bäumen einer Art entspricht dem Bedürfnis nach kostensparender Bewirtschaftung und hohen Erträgen. Doch geht solch Kosten-Nutzen-Rechnung häufig nicht auf: In altersgleichen Beständen einer Baumart (altersgleiche Monokulturen) wie der Kiefer haben Schädlinge wie Forleule, Nonne oder Buchdrucker gute Chancen zu schneller Vermehrung. Und, hat ein Sturmwind einmal eine Lücke gerissen, so wirft er leicht einige Hektar grünenden Waldes um. Deshalb wirbt die staatliche Forstverwaltung für standortgemäßen Waldbau, also für einen Wald der in seiner Zusammensetzung dem Boden, der Wasserführung und dem Kleinklima des spezifischen Standortes entspricht. Wir sahen solchen standortgemäßen Wald mit Buchen und Kiefern beim Eintritt ins Große Holz. Solch aus mehreren Baumarten zusammengesetzter Wald nutzt durch die unterschiedliche Wurzelstruktur wie beispielsweise von Gemeiner Waldkiefer (Pfahlwurzel) und Buche (ausgebreitetes Wurzelsystem) die Nährstoffe des Bodens besser aus. Da standortgemäßer Wald nicht altersgleich und aus mehreren Baumarten zusammengesetzt ist, finden Schädlinge weniger Nahrung und können sich nicht so schnell vermehren; auch besteht ein günstigeres Verhältnis zwischen Schadinsekten und ihren Vertilgern.

Für solchen Waldbau hat man in der Prignitz schon in den siebziger Jahren Voraussetzungen geschaffen: Die Böden wurden erkundet und Karten geschaffen, die auch die Vegetation berücksichtigen und so die Wuchsbedingungen wiedergeben. Diese Grundlage klärt, ob am jeweiligen Standort, Kiefer, Fichte, Esche, Rotbuche oder Ahorn gedeihen könnten. Da, wo wir das Große Holz betraten, entspricht der Mischwald dem Standort.

Können wir also in Zukunft auf einen gesunden Wald mit einer dem Standort entsprechenden Mischung von Eiche, Rotbuche oder Kiefer hoffen? Vielleicht – jedoch ist die Anpflanzung und Bewirtschaftung solcher Mischwälder relativ aufwendig. Auch leuchtet vielen privaten Waldbesitzern die schlichte Kosten-Nutzen-Rechung leichter ein.

Auf dem Kehrberger Weg gen Osten wandernd sehen wir bald rechter Hand freies Feld, die Ochsenkoppel, machen einen kleinen Abstecher in nördlicher Richtung entlang des Waldrands und entdecken prachtvolle dicke Buchen und Eichen. Weiter auf dem Kehrberger Weg gehend durchqueren wir einen schmalen Waldstreifen, überschreiten dabei die Beke, den hier noch nicht regulierten, munter daher plätschernden Dannenwalder Bach und erreichen schließlich den Schönebecker Damm, auf dem wir zurück nach Dannenwalde wandern.

Schönebecker Damm und Kehrberger Weg 

Wie Schönebecker Damm und Kehrberger Weg sahen hierzulande früher die Straßen aus: Der heute wenig benutzte und deshalb mit allerlei Gräsern bewachsene Schönebecker Damm zeigt einen mit Feldsteinen gepflasterten (Kopfsteinpflaster) bei Regenwetter festen ‚Damm‘ und daneben den ungepflasterten, die Pferdehufe schonenden ‚Sommerweg‘. Nach Kehrberg und auch nach Breitenfeld fuhr man nicht häufig, da reichten die ungepflasterten breiten Sandwege..

 

Ein Rettungshaus

Nördlich vom Dorf Dannenwalde, tief hinten im Wald, liegt eine ‚Rettungshaus’ genannte Parzelle. Und wirklich, hier stand einst ein Rettungshaus.

Das Dannenwalder Rettungshaus war nicht das Einzige seiner Art. Im Jahre 1833 gründete der Theologe Johann Hinrich Wichern zur Linderung des Kinderelends in Hamburg das ‚Rauhe Haus’ – eine Wurzel heutiger Diakonie, und in Heilbronn eröffnete man im Jahre 1852 ein für die Erziehung von sechs sittlich verwahrlosten Knaben des Kreises Ruppin bestimmtes Rettungshaus.

Die Geschichte solcher Häuser wirft ein Schlaglicht auf Nöte in der Mitte des 19. Jahrhunderts und Versuche diesen Schwierigkeiten zu begegnen. Die Dannenwalder Chronik (Widrat 1996, S. 95-97) berichtet:

Im Jahre 1854 wird das Dannenwalder Rettungshaus für 12 sittlich verwahrloste Knaben der Prignitz gegründet. Gründer und Wohltäter sind der Rittergutsbesitzer Friedrich von Rohr-Levetzow (1805-1876) und seine Mutter Sophie von Rohr, geb. von Levetzow, (1784-1858), die Geld, Acker und dazu Kartoffeln, Kohl, Rüben Fleisch und Eier geben. Eine lange Liste (Archiv Widrat) führt weitere Spenden auf dabei auch Kartoffeln und Milch von Maurer Hansen und Tischler Rump (Dannenwalde).

Dem für 12 bis 15 jährige Knaben bestimmten Haus steht ein für christliche Unterweisung und Erziehung und angemessene körperliche Arbeit verantwortlicher Erzieher vor. Der Bericht über eine Schulvisitation (1856) nennt den treuen, sorgsamen Hausvater, eine liebevolle Hausmutter und hinreichende Kenntnisse der Knaben in Bezug auf Katechismus, biblische Geschichte, Schreiben und Gesang. Im Jahre 1857 wird von einem fröhlichen Rettungshaus-Jahresfest mit Festgottesdienst in der mit Eichenlaub geschmückten Schönebecker Kirche berichtet.

Nach 30 Jahren hat sich die Lage verändert: In einem Bericht des Kyritzer Landrats heißt es: In der Prignitz fände man keine für das Dannenwalder Rettungshaus geeigneten Kinder, und die aus Berlin stammenden verwahrlosten Knaben verdürben die Prignitzer Jugend. Der Erzieher sei untauglich, das Haus schlecht und baufällig; die Landwirtschaft elend, die Kuh wegen hohen Alters unbrauchbar.

Um 1885 geht das Haus ein.

Wo blieb des Rettungshaus?

Von Dannenwalde aus durchqueren wir das Große Holz, wandern an der Ochsenkoppel vorbei nordwärts und finden schließlich nahe der Straße Schönebeck-Kehrberg das Waldstück ‚Rettungshaus’. Oder: Auf der Straße von Schönebeck nach Kehrberg linker Hand der erste Wald. Ja, wir finden Wald! Douglasien wachsen hier, darunter ein paar junge Buchen. Von all dem Bemühen um gefährdete Jugendliche blieb die Bezeichnung eines Waldstücks: Rettungshaus.

Alte Eiche und Douglasien am Rand der Ochsenkoppel

Der Pflasterdamm