Exkurs: Pferdezucht in Dannenwalde

Die Pferdezucht spielte in meinem Elternhaus eine wesentliche Rolle.

Dannenwalde war Hengststation, d.h. etwa von April bis August standen bei uns drei oder vier Hengste des Neustädter Gestüts. Die Hengstwärter wurden bei uns im Haus beköstigt. Die Bauern kamen mit ihren Stuten von weither, um ihre Stuten decken zu lassen.

Wir züchteten auch selbst: Wir besaßen zwar nur wenige Stuten, aber um unsere guten Weiden auszunützen kauften wir Fohlen und verkauften Remonten, also Pferde für das Militär, oder gar Zuchthengste. Das war Dannenwalder Tradition. Schon mein Urgroßvater Rohr hatte damit begonnen. Mein Großvater Rohr hat den großen Pferdekenner Wilhelm Schalow eingestellt. Schalow war ein vorzüglicher Kutscher: Als die märkische Ritterschaft (oder wer immer) dem Kaiser einen Sechserzug schenkte, gelang es dem Gestüt Neustadt nicht, dieses Gespann einzufahren. Also gab man diese Pferde nach Dannenwalde in Schalows bewährte Hände.

Während meiner Kindheit war Vater Schalow ein alter Mann und bewohnte seinen kleinen Hof. Sein Pferdeverstand war noch hellwach. Deshalb nahm mein Vater Schalow mit auf die Fohlenmärkte in Neustadt, Wilsnack und Lenzen. Die in dieser Gegend ansässigen Bauern nutzten ihre Elbwiesen im Überschwemmungsgebiet, zu Stutenhaltung und Fohlenaufzucht. Auf diesen Märkten boten sie ihre Fohlen an.

Einmal habe ich meinen Vater und Schalow beim Fohlenkauf in der Lenzer Wische begleitet: Erstmal ging man von Stand zu Stand und begutachtete die Fohlen. Das ist eine schwierige Sache: Nur ein Kenner vermag abzuschätzen, wie sich solch ein sechs Wochen altes, staksiges Fohlen entwickelt.

Dann die Auktion. Da hieß es vorsichtig sein, denn wenn der weit und breit bekannte Vater Schalow seinen Bleistift hob, stiegen die Preise. Mein Vater kaufte 20 Fohlen. Am 1. Juli wurden sie von den Bauern gebracht und bevölkerten erst einmal den Fohlenstall. Dann kamen sie auf die Koppeln. Mein Vater beobachtete die Entwicklung seiner Pferde. Einmal bat er mich während eines Spaziergangs über die Weiden, doch ein paar Fohlen - ohne Halfter - im Trab an ihm vorbeizuführen. Ich war stolz, dass mir dies gelang.

Drei bis sechs der besten Hengstfohlen eines Jahrganges kamen nach einer Weile in den Hengststall und wurden später als dreijährige Hengste im Herbst auf dem Hengstmarkt im Neustädter Gestüt zum Verkauf vorgestellt. Hengste erfolgreich vorzustellen war eine Sache des Prestiges.

Die anderen Hengstfohlen wurden 'gelegt', also kastriert, und als Remonten – für das Militär – der die Pferde aufkaufenden Körkommission angeboten. Auch das war eine heikles Geschäft, denn in den für die Landwirtschaft schwierigen Zeiten kaufte auch die Körkommision wenig. Die 'gestoßenen' d.h. unverkauften Remonten taten zwar im Ackerstall gute Dienste, brachten aber nicht das benötigte Bargeld.

Zusammen mit dem Rindvieh dienten die Pferde der Nutzung der Dannenwalder Koppeln und Wiesen.